Törnbericht · August 2026 · Vancouver Island Rund

891 Seemeilen einmal rund Vancouver Island.

Fünf Wochen von den Gulf Islands durch die Innenpassage bis Cape Scott und außen über den offenen Pazifik zurück. Orcas, Buckelwale, Schwarzbären, Seeotter. Und ein Revier, in dem die Gezeiten den Fahrplan schreiben.

Oceanis 41
Yacht „Chloe Marina“
6
Crew an Bord
891 sm
Gesamtstrecke
34 Tage
an Bord
48–51° N
British Columbia
Umrundung
Vancouver Island
Überblick

Einmal um eine Insel von der Größe der Schweiz.

Vancouver Island ist ungefähr so groß wie die Schweiz, und man kann es umrunden. Auf der Innenseite liegen geschützte Kanäle zwischen bewaldeten Inseln, dazu Fjorde, die tief in die Coast Mountains hineinschneiden, und eine Reihe von Engstellen, in denen die Gezeiten so stark setzen, dass man sie nur zu ganz bestimmten Uhrzeiten passieren kann. Auf der Außenseite liegt der offene Pazifik mit seiner langen Dünung, weiten Buchten und fast keiner Zivilisation. Dazwischen, ganz im Norden, liegt Cape Scott.

Dass wir die ganze Runde überhaupt fahren durften, war keine Selbstverständlichkeit. Fast alle Vercharterer auf Vancouver Island setzen ein Entfernungslimit zur Basis; damit kommt man ungefähr bis Campbell River, und die Umrundung ist ausgeschlossen. Island Cruising war der einzige, bei dem sie möglich war.

Gefahren sind wir sie im August 2026 zu sechst, in 34 Tagen und mit einer Beneteau Oceanis 41, ab und bis North Saanich bei Victoria. Am Ende standen 891 Seemeilen im Logbuch, verteilt auf 30 Fahrtage und vier Tage ohne Fahrt.

Gleich vorweg: Das war kein Segeltörn. 202 Motorstunden stehen 17 Segelstunden gegenüber, unter Segeln haben wir 14 Prozent der Strecke zurückgelegt. Zum Teil lag das am Revier: Wer auf der Ostseite nach Norden unterwegs ist, hat den Wind fast immer von vorn, und in unseren Aufzeichnungen der ersten drei Wochen kommt knapp die Hälfte aller Messungen aus Nord bis Nordwest. Zum anderen Teil hatten wir schlicht Pech. Auf der Westseite herrscht im Sommer normalerweise ein konstanter Nordwestwind, der einen die ganze Strecke nach Süden schiebt — ausgerechnet als wir dort ankamen, zog ein Tiefdruckgebiet durch und drehte ihn auf Süd, und wir mussten auch außen herum wieder gegenan. Als der Nordwest am 1. September mit elf bis zwölf Knoten zurückkam, waren wir längst nach Osten in die Juan de Fuca Strait abgebogen und konnten nichts mehr damit anfangen.

Wer also nach British Columbia kommt, um zu segeln, wird enttäuscht. Wer wegen der Tiere kommt, nicht: Buckelwale springen vor dem Bug, Seeotter treiben zu dreißigst im Kelp, Schwarzbären suchen am Strand nach Muscheln.

Es sind ohnehin zwei Reisen in einer. Bis hinauf nach Campbell River ist die Küste touristisch und voll, dominiert von kleinen Motorbooten mit Anglern an Bord, die in jeder Bucht liegen. Weiter nördlich dagegen, und erst recht im Knight Inlet und auf der gesamten Westseite, ist man weitgehend allein — so etwas gibt es in Europa nicht mehr.

Teil I

Die Innenpassage

2.–22. August · rund 470 sm · geschützte Kanäle, Gezeitentore, dichte Tierwelt

Etappe 1 2.–7. August · 167 sm · North Saanich → Campbell River

Gulf Islands & Strait of Georgia

Die Anreise ist eine Geschichte für sich. Sie fängt damit an, dass wir unsere automatischen Rettungswesten beim Check-in als Gefahrgut deklarieren müssen. Kaum sitzen wir abflugbereit im Flugzeug, meldet der Kapitän eine defekte Treibstoffpumpe, und als wir schließlich mit fast zwei Stunden Verspätung starten, ist längst klar, dass der Anschlussflug ohne uns geht. Zehn Stunden später, irgendwo über Grönland, sehen wir aus dem Fenster weiße Berge und Eisschollen. In Victoria ist es dann 21 Uhr, für uns aber schon sechs Uhr morgens.

Am nächsten Morgen fahren wir zum großen Einkauf, und als wir zurück in die Marina kommen, sonnen sich direkt an der Hafenausfahrt Robben auf den Felsen, drei Mütter mit ihren Jungen. Wir schauen lange zu. Am Abend laufen wir trotzdem noch aus und ankern kurz vor Sonnenuntergang bei Russell Island.

Die ersten Tage sind ein Hineintasten in ein fremdes Revier. Zwischen den Gulf Islands beobachten wir Seeadler, die sich mit Krähen um die besten Sitzplätze streiten, in der Narvaez Bay sehen wir Eisvögel bei der Jagd, und am Morgen schwimmen zwei Fischotter ganz entspannt die Küste entlang. Nebenbei die erste Lektion: Gegen die Strömung ist der Motor deutlich schwächer, als man denkt — zeitweise kommen wir kaum vom Fleck, bis der Strom endlich kentert und uns weiterschiebt. Einmal zeigen die Instrumente sogar, dass wir rückwärts fahren, obwohl wir spürbar durchs Wasser segeln.

Vor Nanaimo liegt Dodds Narrows, die erste echte Engstelle der Reise. Wir passieren sie kurz vor neun bei stehendem Wasser, die Durchfahrt ist entsprechend unspektakulär. In Nanaimo selbst ist der Stadthafen voll, also ankern wir gegenüber zwischen Dutzenden anderer Boote und fahren mit dem Dinghi hinein. Am Ufer hantieren Kräne mit tonnenweise Baumstämmen, daneben türmen sich ganze Berge von Sägespänen. Das Wasser hat erstaunliche 18 Grad, und ein paar von uns gehen tatsächlich schwimmen.

Auf dem Weg nach Norden geht anfangs ordentlich Wind und wir segeln, aber er kommt genau von dort, wo wir hinwollen. Irgendwann bergen wir und motoren weiter. Später schläft er ganz ein, das Meer wird flach wie eine Badewanne, und in dieser Stille entdeckt Angelika eine Wasserfontäne am Horizont. Wir drehen bei, und in der warmen Abendsonne blasen rings um das Boot Wale aus, tauchen ab und tauchen wieder auf.

Der Tag darauf beginnt schon um sieben, und diese frühe Abfahrt zahlt sich gleich doppelt aus: Die Strömung schiebt länger mit uns, und für anderthalb Stunden begleitet uns eine Gruppe Orcas. In Campbell River kaufen wir dann Bärenspray und laden Proviant für zwei Wochen an Bord, denn von hier an geht es in den Norden und tief ins Knight Inlet hinein, und der nächste Supermarkt liegt zehn Tage entfernt in Port McNeill.

Ankern & Anlegen
  • Deep Cove, North Saanich — Basis von Island Cruising, Start und Ziel. Volle Versorgung.
  • Russell Island — Ankerbucht, eine Stunde vom Hafen. Waldpfad, Felsstrand.
  • Narvaez Bay (Saturna Island) — Ankerbucht, 48°46,5′ N / 123°06,2′ W, wenige Meter von der US-Grenze.
  • Pirates Cove (De Courcy Island) — Wartestopp vor dem Strömungsfenster von Dodds Narrows.
  • Nanaimo — Stadthafen im August voll; Ankern gegenüber gut möglich, Dinghi-Weg in die Stadt.
  • Hornby Island — Ankerbucht, 49°31,1′ N / 124°37,9′ W.
  • Campbell River — Marina, volle Versorgung. Letzter großer Einkauf vor dem Knight Inlet.
Strömung & Timing
5. 8. · 08:53–09:23Dodds Narrows — bei Stillwasser passiert, harmlos
7. u. 9. 8.Cape Mudge / Discovery Passage — hier wird es ernst
Tierwelt OrcasRobben mit JungenWeißkopfseeadlerEisvögelFischotterSchweinswaleWale vor Hornby Island
Skipper-Notiz

Bis Campbell River ist das Revier touristisch und dicht befahren; wer Einsamkeit sucht, findet sie erst weiter nördlich. Campbell River ist außerdem der letzte Ort, an dem man vor dem Knight Inlet noch vernünftig einkaufen kann: Danach kommt zehn Tage lang kein Supermarkt mehr, bis Port McNeill. Bei uns ist die Rechnung am Ende nur knapp aufgegangen, weil uns durch die ständige Feuchtigkeit an Bord ein Teil des Brotes verschimmelt ist. Wer für zwei Wochen kauft, sollte einkalkulieren, dass nicht alles davon zwei Wochen übersteht.

Seehund sonnt sich auf einem Felsen an der Hafenausfahrt von Deep Cove Luftaufnahme der Segelyacht vor Anker in der Narvaez Bay Weißkopfseeadler im Flug vor Nadelwald Orca taucht dicht neben dem Boot auf
Etappe 2 8.–12. August · 103 sm · Campbell River → Beaver Inlet

Discovery Islands und die Rapids

Bevor es weitergeht, gönnen wir uns einen Tag ohne Fahrt. In geliehenen Neoprenanzügen lassen wir uns den Campbell River hinuntertreiben, zwischen hunderten Lachsen und Dutzenden Anglern hindurch, und kurz vor dem Ausstieg tauchen Robben auf, von denen manche neugierig zu uns herüberschwimmen, während andere weiter draußen Lachse jagen. Am Nachmittag wandern wir zu den Elk Falls, und der Weg dorthin führt durch einen Urwald aus Riesenbäumen, Farnen und Flechten, durch den mitten hindurch eine Wasserkraft-Baustelle geschlagen wurde.

Der nächste Morgen beginnt um fünf, weil Johannes und Fabian allein ablegen, um die Strömung zu erwischen — und sie prompt falsch herum erwischen; anfangs kommen wir kaum voran. Statt durch die Seymour Narrows zu fahren, das berüchtigtste Tor der Innenpassage, nehmen wir den östlichen Weg südlich um Cape Mudge herum und dann durch den Sutil Channel nach Norden. Als wir die Landzunge endlich hinter uns gebracht haben, stehen plötzlich Fontänen im Wasser. Wir wecken den Rest der Crew, und dann tauchen überall um uns herum Grauwale zum Atmen auf — zwei so nah am Boot, dass uns der Sprühnebel aus ihren Atemlöchern nass macht.

Die Evans Bay auf Read Island, in der wir schließlich ankern, ist einsam und still. Wir fotografieren Gürtelfischer, Seeadler und Truthahngeier, gehen an Land und stoßen dabei auf einen Lost Place, eine verlassene Hütte, die, wie wir später herausfinden, zu einem Non-Profit-Forschungsprojekt gehörte. Dann kracht die Drohne beim Rückwärtsfliegen in einen Baum und fällt mitten in den Wald. Aufgeben kommt nicht in Frage, also zieht Fabian den Klettergurt an, Lena sichert, und in zwanzig Metern Höhe holt er sie schließlich wieder herunter.

Der Tag darauf ist der anspruchsvollste Navigationstag der ganzen Innenpassage. Durch den Calm Channel geht es nach Norden, und dann folgen in kurzer Abfolge drei der berüchtigten Rapids: Yuculta gegen viertel nach vier, dann ein kurzer Tankstopp bei The Fisherman’s Landing auf Stuart Island, das praktischerweise genau zwischen den Toren liegt, und anschließend Gillard Passage und Dent Rapids gegen halb sechs. Bei der Einfahrt in die Gillard Passage schwimmt ein Buckelwal immer wieder auf dem Rücken, schlägt mit den Flippern auf die Oberfläche und springt zwischendurch. Kaum haben wir die Passage verlassen, liegt an einem Felsstrand eine große Seelöwen-Kolonie, die wir lange aus nächster Nähe beobachten können. In den Dent Rapids ist strömungstechnisch dann schon etwas mehr los — harmlos, aber man bekommt eine Ahnung davon, wie turbulent es bei voller Strömung sein muss.

Die Bucht, in der wir die nächste Nacht verbringen, macht ihrem Namen keine Ehre, denn Biber gibt es hier keine, dafür aber Holzverarbeitung im großen Stil. Am nächsten Morgen erwacht der Betrieb gemeinsam mit uns: Lastwagen bringen Stämme aus dem Wald, zwei Bagger sortieren und bündeln sie, die Bündel werden ins Wasser geschoben und dort von zwei kleinen Booten herumrangiert wie auf einem Autodrom. Wir schauen bis halb drei zu, denn so lange dauert es, bis das nächste Strömungsfenster aufgeht.

Ankern & Anlegen
  • Evans Bay (Read Island) — einsame Ankerbucht, 50°13,1′ N / 125°04,8′ W.
  • The Fisherman’s Landing (Stuart Island) — 50°24,4′ N / 125°10,7′ W. Tankstopp genau zwischen Yuculta und Gillard. Diesel, Strom, Laden, VHF 66A.
  • Frederick Arm — Ankerbucht, 50°30,0′ N / 125°14,9′ W. Landausflug mit Bärenspray, Fluss zu einem See.
  • Beaver Inlet — 50°29,8′ N / 125°37,8′ W. Aktiver Holzumschlag, schwimmende Basis für die Arbeiter.
Strömung & Timing
9. 8. · 06:24–07:31Cape Mudge / Discovery Passage
10. 8. · 16:05–16:36Yuculta Rapids
10. 8. · 17:18–17:42Gillard Passage / Dent Rapids
11. 8. · ~17:10Engstelle im Cordero Channel
12. 8. · ~15:00Engstelle im Wellbore Channel

Die Seymour Narrows lassen sich umfahren — über Cape Mudge und den Sutil Channel östlich um Quadra Island herum. Wir haben das schärfste Tor des Reviers auf diesem Weg komplett ausgelassen.

Tierwelt Grauwale rund ums BootSteller-Seelöwenspringender BuckelwalRobben jagen LachseGürtelfischerTruthahngeierSeeadler
Skipper-Notiz

Unsere Regel für die scharfen Tore war denkbar einfach: nie in der Nähe der Stromspitze durchfahren, sondern immer bei Stillwasser. Damit war die ganze Sache erstaunlich stressfrei, und wir haben an einem einzigen Nachmittag Yuculta, Gillard und Dent hintereinander passiert, ohne von einer davon viel zu merken. Der Preis dafür ist Wartezeit, und die muss man von vornherein einplanen — im Beaver Inlet haben wir einen halben Tag lang Holzarbeitern zugesehen, weil sich das Fenster erst um halb drei öffnete.

Fluke eines abtauchenden Grauwals Luftaufnahme der einsamen Evans Bay auf Read Island Buckelwal schlägt mit der Flosse auf die Wasseroberfläche Gebündelte Baumstämme am Ufer des Beaver Inlet
Etappe 3 13.–16. August · 77 sm · Port Neville → Glendale Cove

Knight Inlet, genannt Bärenlandia

Der Weg nach Port Neville führt durch den Wellbore und den Chancellor Channel hinaus in die Johnstone Strait, wo uns aus dem Nichts Wind mit fast dreißig Knoten direkt von vorn ausbremst, gefolgt von kurzen, steilen Wellen, wie sie aus der Kombination von Strom und Wind entstehen. Der Motor kämpft sich voran, die geplante Ankunftszeit rutscht immer weiter nach hinten, und schließlich fahren wir dichter unter Land, um wenigstens etwas Schutz zu finden. Kurz vor Einbruch der Dunkelheit machen wir fest.

Port Neville besteht im Wesentlichen aus einem verlassenen Postamt und zwei Hütten. Wir gehen ein Stück den Strand entlang, über Felsen und angeschwemmte Baumstämme hinweg, und entdecken im Kelp zwei jagende Seelöwen.

Am Abend darauf legen wir bewusst spät ab, um die Strömung im Chatham Channel mitzunehmen, und nehmen dafür in Kauf, womöglich erst im Dunkeln anzukommen. Genau so kommt es dann auch: Um acht sind wir durch, kurz darauf fällt der Anker in einer Bucht vor der nächsten Passage. In diesem Moment sieht Lena einen dunklen Schatten am Ufer. Beim zweiten Hinsehen ist klar, was das ist — ein Schwarzbär, der den Strand nach Fressbarem absucht. Wir schauen ihm zu, so lange er bleibt.

Am nächsten Morgen liegen gleich hinter der Ausfahrt mehrere Wale im Wasser, von denen sich zwei überhaupt nicht bewegen, aber regelmäßig ausblasen: Sie schlafen. Ein dritter jagt in Ufernähe. Dann laufen wir in das Knight Inlet ein, das wir bald nur noch Bärenlandia nennen, weil es hier neben Schwarzbären auch Grizzlys geben soll. Ein Buckelwal zieht dicht am Boot vorbei und schnappt nach Plankton, Bären aber sehen wir keine.

In Glendale Cove liegt eine schwimmende Lodge, und wir fahren mit dem Dinghi hin, um zu fragen, wie man hier eigentlich Bären beobachten darf. Die Antwort fällt ernüchternd aus: In den Fluss darf man nicht hineinfahren, die Wanderungen sind „not recommended without a guide“, einen Guide bekommt man nur als Gast der Lodge, und dasselbe gilt für das Essen und die Bootstouren. Auch der Versuch, eine geführte Tour für uns zu organisieren, scheitert.

Am nächsten Morgen um acht wollen wir bei Niedrigwasser mit dem Dinghi tief in die Bucht hineinfahren, dorthin, wo wir die Bären vermuten. Weil das Wasser hier aber so weit fällt, können wir bald nur noch paddeln und irgendwann gar nicht mehr weiter, weil wir im Sand feststecken. Also ziehen alle die Schuhe aus, steigen aus und schieben das Dinghi, bis es ein paar Meter weiter wieder schwimmt.

Nachdem Plan A gescheitert ist, suchen wir stundenlang die Küste ab und fahren dabei an nebelverhangenen Nadelwäldern entlang. Einen Bären sehen wir nicht. Also gehen wir noch tiefer ins Inlet hinein, bis Kwalate Creek, wo das Wasser durch den Gletscher am Ende des Fjords immer türkiser und milchiger wird. Weil der Anker dort aber nur mäßig hält, kehren wir für die Nacht nach Glendale Cove zurück.

Am letzten Morgen stehen einige von uns um halb sieben auf, weil Bären bei Ebbe in der Morgendämmerung gern an den Strand kommen, um Muscheln zu fressen. Heute allerdings nicht. Immerhin finden wir einen Adlerhorst mit zwei Altvögeln, die ihn offenbar für die nächste Brut herrichten. Am Nachmittag versuchen wir es bei Hochwasser noch einmal an der Flussmündung und werden von einem Guide vom Steg gewiesen, der uns dabei auch erklärt, woran es liegt: Bis vor drei Tagen sei die Bucht voller Bären gewesen, dann seien die Lachse viel früher als üblich flussauf gewandert — und mit ihnen die Bären. Projekt Grizzly: gescheitert.

Ankern & Anlegen
  • Port Neville — Steg, 50°29,6′ N / 126°05,3′ W. Verlassenes Postamt, sonst nichts.
  • Wartebucht vor der Passage — 50°35,0′ N / 126°12,4′ W. Hier stand der Schwarzbär am Ufer.
  • Glendale Cove (Knight Inlet) — 50°41,0′ N / 125°44,2′ W, zweimal übernachtet. Schwimmende Lodge, kein Anlanden, kein Befahren des Flusses.
  • Kwalate Creek — 50°46,8′ N / 125°41,0′ W, tiefer im Inlet. Gletschertürkises Wasser, Anker hält nur mäßig.
Strömung & Timing
13. 8. · 19:23–20:02Chatham Channel

In Glendale Cove ist der Tidenhub so groß, dass große Teile der Bucht bei Ebbe trockenfallen — mit dem Dinghi eine echte Falle, wir sind darauf hereingefallen.

Tierwelt erster Schwarzbärschlafende WaleBuckelwal beim PlanktonfressenAdlerhorst mit zwei Altvögelnjagende Seelöwen im KelpRobben
Skipper-Notiz

Das Knight Inlet ist landschaftlich der einsamste und schönste Abschnitt der Innenpassage und gleichzeitig der frustrierendste, weil man nirgends an Land darf und die interessanten Grizzly-Touren ausschließlich den Gästen der Lodge vorbehalten sind. Wer wegen der Bären hierherkommt, sollte das vorher wissen. Außerdem folgen Bären den Lachsen: Wandern die früher als üblich flussauf, sind auch die Bären weg. Planen lässt sich das nicht.

Schwarzbär sucht am Kiesstrand nach Fressbarem Blas eines Wals vor bewaldeter Steilküste im Knight Inlet Nebelverhangene Nadelwaldküste im Knight Inlet Luftaufnahme des gletschertürkisen Wassers bei Kwalate Creek
Etappe 4 17.–22. August · 123 sm · Telegraph Cove → Port Hardy

Broughton, Johnstone Strait & Port Hardy

Der Weg aus dem Knight Inlet führt durch enge Fjordkanäle, in denen die Kelpwälder die befahrbare Rinne stellenweise auf wenige Meter verengen. Als wir die Johnstone Strait erreichen, sind wir plötzlich in einer wilden Strömungszone — und genau dort bleiben wir eine Stunde lang bei mehreren Buckelwalen hängen. Erst schlagen sie mit den Schwanzflossen auf das Wasser, dann springen sie, manchmal nur wenige Meter neben dem Boot, manchmal zwei fast synchron. Unsere Theorie lautet, dass sie gehört haben, wie erfolglos wir bei der Grizzlysuche waren, und uns nun entschädigen wollen.

Nach elf Stunden Fahrt laufen wir in Telegraph Cove ein. Der Ort hat zwanzig Einwohner, besteht im Wesentlichen aus Campingplatz und Ferienhäusern und wirkt mit seinen Holzhäusern fast skandinavisch. In dem urigen Hafen, dessen Stege stellenweise auseinanderfallen, sind wir das einzige Segelboot. Das Walmuseum, wegen dem man eigentlich herkommt, ist vor einigen Jahren abgebrannt, und obwohl der Wiederaufbau läuft, steht bislang vor allem ein Souvenirshop. Unsere Vorräte sind inzwischen fast aufgebraucht — es sind zehn Tage seit Campbell River vergangen, und ein Teil des Brotes hat die ständige Feuchtigkeit an Bord nicht überstanden. Umso mehr freuen wir uns, endlich wieder einmal in einem Lokal zu essen.

Weil es in Telegraph Cove keinen Supermarkt gibt, halten wir am Vormittag noch kurz in Port McNeill, wo wir der Kassiererin erst einmal erklären, dass bei uns zu Hause gerade nicht Winter ist und es dort auch keine Kängurus gibt, bevor wir unsere Vorräte auffüllen. Danach geht es weiter nach Malcolm Island in den Hafen von Sointula, wo vor allem Berufsfischer liegen und wilde Hirsche wie selbstverständlich durch den Ort spazieren. Am Tag darauf wandern wir den Mateoja Heritage Trail, der zunächst durch einen Wald führt, in dem noch verkohlte Stämme von einem über hundert Jahre zurückliegenden Brand zeugen, und später an zwei Seen und einem kleinen Moor vorbeikommt.

In der Alert Bay fällt am Abend der Anker, und als wir am Morgen die Köpfe aus dem Niedergang stecken, staunen wir nicht schlecht: In der Nacht ist neben uns ein Hochhaus entstanden — genauer gesagt ankert dort ein riesiges Kreuzfahrtschiff, dessen Gäste gerade auf Schlauchbooten zum Whalewatching gebracht werden. Wir setzen unser eigenes Dinghi aus und fahren hinüber zum U’mista Cultural Centre, wo wir einiges über die Kultur der Kwakwaka’wakw lernen, der indigenen Völker im Norden von Vancouver Island. Im Hafen freut sich ein Fischotter über die Fischreste der Fischer.

Weiter Richtung Hanson Island, wo die am längsten durchgehend bestehende Orca-Forschungsstation der Welt steht. Wir finden sie, und wir finden auch Wale: Der Motor geht aus, und wir treiben eine ganze Weile lautlos und schauen zu. Zum ersten Mal seit Langem können wir an diesem Tag außerdem richtig segeln.

In der Double Bay wachsen große Kelpwälder in der Einfahrt, eigentlich der perfekte Lebensraum für Seeotter, die wir aber vergeblich suchen. Stattdessen passiert etwas anderes: Während drei von uns mit dem Dinghi im Kelp Unterwasseraufnahmen versuchen, hören wir hinter uns ein lautes Ausblasen. Etwa siebzig Meter entfernt schwimmt ein Wal direkt auf uns zu. Er taucht wieder auf, deutlich näher, und dann noch einmal, etwa zehn Meter neben uns. In einem drei Meter langen Schlauchboot ist ein vierzehn Meter langer Buckelwal noch einmal ein ganz anderes Erlebnis als von Deck.

Im Morgennebel geht es weiter nach Port Hardy, teilweise fast im Blindflug — ärgerlich, dass unser Radar seit dem Start der Reise den Dienst verweigert. Als der Nebel aufreißt, entdecken wir weit draußen auf offenem Wasser einen Seeotter — ausgerechnet hier, nachdem wir sie tagelang vergeblich in den Kelpwäldern gesucht hatten.

Port Hardy ist der letzte größere Ort vor Victoria — hier endet die Straße auf Vancouver Island —, und entsprechend voll ist das Programm mit Einkaufen, Wäsche waschen, Wasser auffüllen, Gas nachfüllen und einer heißen Dusche. Für die Wäsche gehen wir in die Quarterdeck Marina, weil wir annehmen, dort liegen zu müssen, um den Waschsalon benutzen zu dürfen. Ein teurer Irrtum: Der Waschsalon steht auch Nichtgästen offen, und der Fischerhafen nebenan hätte einen Bruchteil gekostet. Am Abend spazieren wir an einem Fluss entlang, in dem sich die Lachse dicht an dicht drängen wie im Stau, finden aber nur Kratzspuren einer Bärentatze an einem Baum — dafür etliche Adler, die im Flussdelta an den Lachsen schmausen.

Zurück am Boot die erste schlechte Nachricht: Das Starlink-Terminal funktioniert nicht mehr, und wir sind gerade jetzt, im Norden und vor der rauen Pazifikseite, auf Wetterdaten angewiesen. Wir grenzen das Problem auf die Stromversorgung ein und kaufen vor dem Ablegen alles, was nützlich erscheinen könnte: Kabel, Stecker, Kontaktpaste. Und dann, beim Ablegenwollen, der größere Schock: Aus dem Auspuff kommt kein Kühlwasser. Beim Anlegen müssen wir Algen angesaugt haben, die jetzt irgendwo im Kühlkreislauf sitzen. Statt loszufahren verbringen wir den halben Tag mit der Fehlersuche.

Der Reihe nach: Zuerst von innen mit Frischwasser durchgespült — der Pfropfen sitzt fester, als wir dachten. Also Badehose an. Johannes taucht im wenig einladenden Hafenbecken zu den Ansaugöffnungen am Saildrive und versucht, sie mit einem Schraubenzieher frei zu bekommen. Auch das bringt nichts.

Zwischendurch tauschen wir den Impeller und spannen den Keilriemen nach. Ehrlich gesagt war das Verzweiflung: Wir wussten zu dem Zeitpunkt noch nicht, wo genau die Verstopfung sitzt, und haben der Reihe nach alles probiert, was irgendwie helfen könnte.

Was es dann richtet, ist ein Tipp des Vercharterers: den Seewasserfilter öffnen und von dort aus den Ansaugschlauch mit der Dinghi-Pumpe durchblasen. Als außen am Rumpf Blasen aufsteigen, wissen wir, dass der Schlauch wieder frei ist. Ein paar Stunden nach dem geplanten Ablegen steht wieder ein kräftiger Kühlwasserstrahl am Auspuff. Unterwegs bauen wir dann auch noch eine neue Stromversorgung für das Starlink-Terminal.

Ankern & Anlegen
  • Telegraph Cove — kleiner historischer Hafen, Stege teils marode, kein Supermarkt. Restaurant vorhanden.
  • Port McNeill — Versorgungsstopp mit Supermarkt.
  • Sointula (Malcolm Island) — Hafen, 50°38,5′ N / 127°01,9′ W, überwiegend Berufsfischer.
  • Alert Bay — Hafen im August voll; wir haben in der Nähe geankert (50°35,4′ N / 126°56,2′ W) und sind mit dem Dinghi hinein.
  • Double Bay (Hanson Island) — Ankerbucht, 50°35,1′ N / 126°45,8′ W. Große Kelpwälder in der Einfahrt.
  • Port Hardy — 50°42,8′ N / 127°29,4′ W. Diesel, Wasser, Gas, Wäsche, Duschen, Supermarkt. Achtung: Die Quarterdeck Marina ist sehr teuer, und man braucht sie nicht — den Waschsalon dort darf man auch als Nichtgast nutzen. Besser gleich in den deutlich günstigeren Fischerhafen nebenan.
Tierwelt Buckelwal-Sprungshow, eine StundeBuckelwal zehn Meter neben dem Dinghierste SeeotterFischotter im HafenHirsche in SointulaAdler im LachsdeltaBärenspuren
Skipper-Notiz

Kelp ist in diesem Revier die größte Gefahr für den Motor, und grundsätzlich sollte man um die Kelpwälder herumfahren. Manchmal geht das allerdings nicht, weil das Zeug in der Hafeneinfahrt treibt, und genau so hat es uns in Port Hardy erwischt. Bei einem derart hohen Motoranteil gehört der Blick auf den Kühlwasserstrahl nach dem Anlassen zur Ablegeroutine, und ein Ersatzimpeller ist Pflicht. Die zweite Gefahr sind Baumstämme, die aus den Forstarbeiten überall im Wasser treiben; bei Tag sind sie gut zu sehen, bei Nacht nicht. Nachtfahrten sind hier deshalb nicht zu empfehlen — wir konnten sie trotzdem nicht immer vermeiden.

Springender Buckelwal in der Johnstone Strait Der historische Hafen von Telegraph Cove mit Holzhäusern auf Stelzen Vögel auf spiegelglattem Wasser im Morgennebel Gruppe von Seeottern treibt auf dem Rücken im Wasser
Teil II

Außen herum

23. August – 4. September · rund 420 sm · offener Pazifik, lange Dünung, Seeotter

Etappe 5 23.–24. August · 80 sm · Port Hardy → Winter Harbour

Über die Nahwitti Bar um Cape Scott

Nach dem verlorenen Vormittag geht es an den nördlichsten Punkt der ganzen Reise. Am Abend queren wir die Nahwitti Bar und laufen in Bull Harbour auf Hope Island ein, einer Insel, die so abgelegen ist, dass hier 2023 eine Staffel der Survival-Serie 7 vs. Wild gedreht wurde. Allein sind wir trotzdem nicht: In der Einfahrt der Bucht liegt eine Superyacht.

Wir machen an einem kleinen Steg fest, der keine Verbindung zum Land hat, und das hat einen guten Grund: Die Insel gehört der First Nation der Tlatlasikwala, und das Betreten ist streng verboten. Also bleiben wir an Bord und feiern den Wendepunkt der Reise mit selbstgemachten Cocktails.

Um kurz vor fünf am nächsten Morgen legen Martin und Lena zu zweit ab, noch in vollkommener Dunkelheit — die Uhrzeit gibt die Tide vor: Wir wollen mit fallendem Wasser über die Bar. So queren wir die Nahwitti Bar ein zweites Mal, diesmal auswärts, und runden um kurz nach neun Cape Scott. Als der Rest der Crew aufsteht, blicken wir bereits auf den offenen Pazifik hinaus. Das Wetter ist gut, die Sonne scheint, nur der Wind fehlt uns wieder einmal, und wir legen die gesamten 55 Seemeilen unter Motor zurück. Hier draußen ist das ausnahmsweise ein Vorteil.

Kurz bevor wir um die letzte Ecke biegen wollen, sehen wir in Ufernähe etwas Seltsames, das aussieht wie die Flosse eines Hais, nur kleiner. Als wir näher kommen, erkennen wir einen Mondfisch, der langsam an der Oberfläche schwimmt — diese Tiefseefische kommen nur nach oben, um sich von der Sonne aufwärmen zu lassen. Mit rund siebzig Zentimetern ist unserer noch sehr jung. Dazu sehen wir wieder Seeotter, von denen wir manche sogar beim Muschelessen beobachten können.

Winter Harbour schließlich ist ein schrulliger Ort, der ausschließlich aus Hobbyfischern zu bestehen scheint, mit überdachten Wohnwagen und kleinen Holzhütten entlang der Küste. Handyempfang gibt es hier keinen; wer telefonieren will, geht zu dem einen Telefon, das außen am Postamt hängt. Als die Frau, bei der wir die Liegegebühr bezahlen, aus dem Haus tritt, kommen sofort die Rothörnchen angerannt und fressen ihr Mandeln aus der Hand. Das Verwaltungsgebäude hängt bedenklich schief auf seinem Steg.

Ankern & Anlegen
  • Bull Harbour (Hope Island) — 50°54,7′ N / 127°55,8′ W. Nördlichster Punkt der Reise. Steg ohne Landverbindung; die Insel gehört der First Nation der Tlatlasikwala, Betreten verboten.
  • Winter Harbour — 50°30,8′ N / 128°01,7′ W. Liegegebühr wird im Ort bezahlt, kein Handyempfang.
Strömung & Timing
23. 8. · 19:46–20:08Nahwitti Bar, einwärts
24. 8. · 05:00–05:55Nahwitti Bar, auswärts
24. 8. · 09:13–11:38Cape Scott
Tierwelt MondfischSeeotter beim MuschelessenGrauwaleSchweinswalezutrauliche Rothörnchen
Skipper-Notiz

Die Nahwitti Bar hat einen schlechten Ruf, und der Umgang damit ist im Grunde einfach: auf die Strömung achten und mit fallendem Wasser hinaus. Entscheidend ist, Wind gegen Strom zu vermeiden, weil sich dort eine stehende Welle aufbauen kann — das ist die eigentliche Gefahr, nicht die Bank an sich. Wir hatten schlicht keinen Wind, was uns die Entscheidung abgenommen hat; bei Wind aus der falschen Richtung würde ich lieber ein Fenster abwarten, als es darauf ankommen zu lassen. Die Abfahrt legt man nach der Tide, nicht nach dem Sonnenaufgang: Wir sind um fünf in völliger Dunkelheit los und haben Cape Scott dann bei bestem Licht gerundet.

Junger Mondfisch an der Wasseroberfläche vor der Nordwestküste Fischerboot vor der bewaldeten Küste bei Winter Harbour
Etappe 6 25.–27. August · 133 sm · Checleset Bay → Hesquiat Harbour

Die Westküste

Auf dem Weg um die Brooks Peninsula, deren Kap wir zwischen halb zwölf und viertel nach eins runden, merkt man streckenweise kaum, dass man überhaupt auf dem Pazifik ist, so spiegelglatt liegt das Meer und so schwach weht der Wind. Der Wind, der uns auf dem ganzen Weg nach Norden zuverlässig auf die Nase geblasen hat, hat mit uns die Richtung gewechselt und kommt schon wieder von vorn. Dafür gibt es Tiere in Mengen: Auf einer kleinen Felseninsel liegen an die hundert Seelöwen am Strand, und immer wieder treiben Mondfische an der Oberfläche.

Als wir am Nachmittag die ausgesuchte Bucht erreichen, merken wir, dass sie nach Süden hin ziemlich ungeschützt ist, also genau aus der Richtung, aus der die Wellen kommen. Während wir noch überlegen, ob wir trotzdem bleiben, weil die Bucht auf uns wie ein Paradies für Schwarzbären wirkt, bewegt sich am Strand tatsächlich etwas — und beim genaueren Hinsehen ist es ein Schwarzbär, der den Strand nach Fressbarem absucht. Wir fahren ein schnelles Ankermanöver und lassen gleichzeitig das Dinghi zu Wasser, doch als wir näher kommen, ist er schon wieder im Wald verschwunden. Inzwischen ziehen starker Südwind und hohe Wellen in die ungeschützte Bucht, also fahren wir am Abend doch noch ein Stück weiter in eine geschütztere Bucht.

Der nächste Tag ist der einzige richtige Segeltag des ganzen Törns, und er ist zäh. Wind und Welle stehen gegen uns, der Motor kommt kaum an, also setzen wir die Segel und kreuzen auf, bis ins zweite Reff. Das macht die Fahrt deutlich angenehmer, aber nicht schneller. Die Wellen werden immer höher und kommen in extrem kurzen Abständen; wir suchen unser Glück nahe an der Küste, wo ein paar Felsen die See etwas brechen, und das funktioniert erstaunlich gut. Trotzdem liegen wir weit hinter dem Plan, und vor unserem Tagesziel liegt ein langer Küstenabschnitt ganz ohne schützende Buchten. Als dann auch noch eine Regenwand auf uns zukommt, geben wir auf und drehen um.

Am Tag darauf gilt: Wer nicht fährt, gewinnt nicht. Wir wollen die verlorenen Meilen aufholen. Kurz nach dem Ablegen sehen wir eine ganze Gruppe Seeotter im Kelpwald — an einem Punkt zähle ich rund dreißig auf einmal. Genau so hatten wir uns das vorgestellt.

Als wir in der Dämmerung Estevan Point runden, entdecken wir eine Gruppe von mindestens zehn Grauwalen, von denen viele fast synchron ausblasen; zeitweise sehen wir fünf oder sechs Fontänen gleichzeitig. Zum Beobachten bleibt keine Zeit. Nach fast vierzehn Stunden und 55 Seemeilen laufen wir im Dunkeln in die Bucht ein und suchen mit Taschenlampen die Wasseroberfläche ab, um uns nicht wieder Seegras in den Kühlkreislauf zu ziehen. Seegras finden wir keines — dafür Quallen, über die ganze Bucht verteilt, in einer Dichte, die sich anfühlt, als bestünde die Bucht zur Hälfte daraus.

Ankern & Anlegen
  • Checleset Bay — zwei Plätze: 50°08,7′ N / 127°41,0′ W (nach Süden offen, unruhig) und 50°07,0′ N / 127°36,5′ W (deutlich ruhiger).
  • Rugged Point / McLean Cove — 49°58,2′ N / 127°14,8′ W. Notlösung bei zunehmender See.
  • Hesquiat Harbour — 49°25,6′ N / 126°26,4′ W. Ankunft bei Dunkelheit, Bucht voller Quallen.
Navigation & Wetter

Die Westküste fährt sich völlig anders als die Innenpassage. Die Schläge sind deutlich länger, weil es hier viel weniger geschützte Ankerplätze gibt und Häfen erst recht. Dafür spielt die Strömung auf der Außenseite kaum noch eine Rolle — das Thema, das drinnen jeden Tagesplan bestimmt hat, fällt hier praktisch weg.

Wir sind oft nahe am Ufer gefahren, um Schutz vor der Welle zu suchen. Das funktioniert gut: Die Seekarte ist genau, alle Felsen sind eingezeichnet, man muss nur sorgfältig navigieren und Ausguck halten. Achten muss man dabei auf die Kelpwälder: nicht hineinfahren.

25. 8. · 11:31–13:13Brooks Peninsula / Cape Cook
Tierwelt Schwarzbär am StrandSeeotter, rund 30 auf einmal10+ Grauwale vor Estevan Point~100 Seelöwen auf einer Felseninselmehrere Mondfischehunderte Quallen
Skipper-Notiz

Auf der Westseite kehrt sich die Planung um. Drinnen bestimmt der Strom den Tagesablauf, hier bestimmt ihn das Wetter — und die Frage, wo die nächste Bucht ist, in der man bei dieser Windrichtung ruhig liegt. Ankerplätze wählt man deshalb nach Schutz und nicht nach Schönheit; wir haben einmal am späten Abend noch gewechselt, und das war richtig. Hier hatten wir schlicht Pech: Normalerweise schiebt einen auf dieser Seite ein konstanter Nordwestwind nach Süden, doch ausgerechnet als wir kamen, zog ein Tief durch und drehte ihn auf Süd, sodass wir auch außen herum wieder gegenan mussten. Ohne dieses Tief hätte unsere Segelbilanz ganz anders ausgesehen.

Schwarzbär durchsucht den Strand der Checleset Bay Die Segelyacht vor der diesigen Küste der Westseite
Etappe 7 28. August – 4. September · 207 sm · Tofino → North Saanich

Clayoquot, Barkley Sound und zurück

Die Fahrt nach Tofino ist entspannt; nicht weit vom Boot treibt wieder ein ganzer Haufen Seeotter. Weniger schön: Mitten im Meer treibt ein totes Buckelwal-Baby. Um nach Tofino hineinzukommen, muss man zwischen ein paar Inseln hindurchnavigieren und dabei Strömung und Untiefen im Auge behalten; beim Anlegen zeigt der Tiefenmesser nur noch wenige Zentimeter unter dem Kiel.

Im Hafen liegt ein kalifornischer Seelöwe, den wir später Joe taufen; er frisst die Fischreste der Fischerboote, und wir können ihn aus nächster Nähe beobachten. Am Steg kommen wir mit einem kanadischen Seglerpaar ins Gespräch, das hier an Bord lebt und als Whalewatching-Guides arbeitet; sie erzählen uns einiges über das Verhalten der Orcas. Der Ort selbst ist sehr touristisch, aber sympathisch, dreht sich fast ausschließlich ums Surfen und ist voller Galerien und kleiner Läden.

Eigentlich wollen wir am nächsten Tag alle gemeinsam Kajak fahren, bekommen aber so kurzfristig keine Tour mehr, also muss Plan B her: eine Wanderung durch den Urwald. Ein Wassertaxi mit urigem Kapitän bringt uns zum Ausgangspunkt, von wo es zunächst auf einem Holzsteg zwischen gewaltigen, uralten Bäumen hindurchgeht, bis der Steg abrupt endet und wir durch Schlamm stapfen — Johannes bleibt darin einmal komplett mit einem Schuh stecken. Auf dem Rückweg zeigt uns der Fahrer noch sein Zuhause: ein Floß mit einem kleinen Haus, einem Garten und einer Sauna, das er bei Schlechtwetter einfach auf die andere Seite der Insel verlegt.

Ucluelet, das wir liebevoll Ukulele nennen, weil der Name unmöglich auszusprechen ist, hat einen kleinen Hafen, in dem kaum noch Platz ist, sodass wir uns im Päckchen an ein anderes Segelboot legen. Das Wetter ist ungemütlich, ein ständiger Nieselregen wird einem vom Wind ins Gesicht geblasen, und trotzdem gehen wir spazieren und treffen zwei junge Hirsche, die in einem Vorgarten die Wiese abgrasen und so zutraulich sind, dass wir ihnen aus wenigen Metern Entfernung zusehen können, während die Anwohner sie kaum beachten.

Am nächsten Tag klappt es dann doch noch mit der Kajaktour, allerdings sind nur vier Plätze frei, also teilen wir uns zum ersten Mal auf: Johannes und Barbara bleiben am Boot, die anderen paddeln durch die Broken Islands. Beide Gruppen haben Glück. Das Boot dreht eine Runde durch das Ucluelet Inlet und sieht dabei fünf Schwarzbären gleichzeitig am Strand — nach zwei Wochen vergeblicher Suche in Bärenlandia. Die Kajakgruppe paddelt derweil eng an den felsigen Küsten entlang, entdeckt Seesterne, Seeigel und zum ersten Mal Fischadler und lernt von einem sympathischen Guide, dass Kelp bis zu sechzig Zentimeter am Tag wächst und obendrein essbar ist. Am Abend gibt es folgerichtig Kelpsalat als Beilage. Er schmeckt gar nicht schlecht. Auf dem Weg zum Übernachtungsplatz sehen wir dann noch einmal kurz zwei Orcas.

Dann kommt der lange Tag. Um dem angekündigten stürmischen Wetter zu entgehen, legen wir einen extralangen Fahrtag ein — 76 Seemeilen, den längsten des Törns, in fünfzehn Stunden — und fahren dabei unser übliches Wachrad, bei dem sich Martin, Fabian und Johannes in zweistündigen Intervallen am Steuer ablösen. Ausguck zu halten ist an diesem Tag besonders anstrengend, weil wir stundenlang auf eine weiße Nebelwand zufahren. Mitten in der Fahrt taucht dann eine ganze Schule Schweinswale dicht am Boot auf, so viele auf einmal wie nie zuvor auf dieser Reise — im Nebel ein fast unwirklicher Anblick.

Am späteren Nachmittag reißt der Nebel auf, und in der Ferne sehen wir unzählige Wale ausblasen — allerdings jenseits der Grenze in amerikanischen Gewässern, und da wir weder Zeit noch Lust auf eine Bekanntschaft mit der US-Küstenwache haben, setzen wir unsere Fahrt einfach fort. Kurz nach Einbruch der Dunkelheit erreichen wir unsere Ankerbucht für die Nacht, die Murder Bay heißt, weshalb wir beschließen, den Niedergang geschlossen zu halten. Man kann ja nie wissen.

Am nächsten Vormittag kommt dann das Beste zum Schluss. Zwischen zehn und elf passieren wir Race Rocks, das Naturschutzgebiet vor Victoria, und hören die Kolonie schon von Weitem. Das ganze Ausmaß — und das volle olfaktorische Erlebnis — bekommen wir aber erst mit, als wir direkt davorstehen: rund 250 Stellersche Seelöwen, dazu etwa 100 kalifornische Seelöwen und 50 Seehunde. Das größte Tiervorkommen der ganzen Reise, alles innerhalb weniger Minuten.

Mittags machen wir in Victoria fest, wo uns die Zivilisation wiederhat: Wasserflugzeuge starten und landen mitten im Hafenbecken, kleine Wassertaxis wuseln dazwischen herum, und im Hafen füllen sich die Stege langsam mit alten Holz- und Motorbooten für das Classic Boat Festival. Neben unserem Boot läuft ein Waschbär über den Steg. Am 4. September laufen wir zurück nach North Saanich, an genau denselben Steg, an dem wir 33 Tage zuvor losgefahren sind. 891 Seemeilen. Der Kreis ist zu.

Ankern & Anlegen
  • Tofino — Hafen, 49°09,2′ N / 125°53,9′ W. Enge Anfahrt zwischen Inseln, Untiefen beachten. Wassertaxi für Wanderungen.
  • Ucluelet — kleiner Hafen, 48°56,8′ N / 125°33,2′ W. Im August eng, Päckchenliegen üblich.
  • Broken Islands — 48°52,7′ N / 125°18,6′ W und 48°50,4′ N / 125°12,2′ W.
  • Murder Bay — 48°19,9′ N / 123°37,8′ W, Juan de Fuca Strait.
  • Victoria — 48°25,5′ N / 123°22,3′ W, Innenhafen. Viel Verkehr, Wasserflugzeuge im Hafenbecken.
  • Deep Cove, North Saanich — Ziel, identisch mit dem Start.
Strömung & Timing
2. 9. · 10:04–11:10Race Rocks — Seelöwenkolonie

Der 76-sm-Schlag am 1. September durch die Juan de Fuca Strait war das längste Strömungsfenster des Törns.

Tierwelt ~250 Steller-Seelöwen an den Race Rocksfünf Schwarzbären im Ucluelet Inlet~100 kalifornische Seelöwen~50 SeehundeSchule Schweinswale im Nebelzwei OrcasSeeotter-RudelFischadlerzutrauliche Hirsche
Skipper-Notiz

Nach zwei Wochen in Bärenlandia, wo alles reglementiert ist und wir trotz größter Mühe keinen einzigen Grizzly gesehen haben, standen im Ucluelet Inlet plötzlich fünf Schwarzbären gleichzeitig am Strand, ohne Guide, ohne Genehmigung, einfach so. Manches lässt sich eben nicht planen.

Dicht beieinander treibendes Rudel Seeotter Holzsteg durch den Urwald bei Tofino Schwarzbär am flechtenbewachsenen Ufer des Ucluelet Inlet Stellersche Seelöwen auf den Felsen von Race Rocks
Die Runde in Zahlen

Was am Ende im Logbuch stand.

891 sm
Gesamtstrecke
30 / 4
Fahrtage / Liegetage
202 h
unter Motor
17 h
unter Segeln
30 sm
Ø je Fahrtag
76 sm
längste Etappe
22 kn
stärkster geloggter Wind
76 %
Messungen unter 8 kn
Revier-Infos für Segler

Das Praktische, wenn du selbst rund willst.

Alles, was wir auf dieser Runde gelernt haben, kompakt zusammengefasst.

Charter & Formalitäten

Der entscheidende Punkt bei der Planung. Fast alle Vercharterer setzen ein Entfernungslimit zur Basis, damit kommt man ungefähr bis Campbell River, und die Umrundung ist von vornherein ausgeschlossen. Island Cruising war der einzige, bei dem sie möglich war. Eine Lizenz wurde dabei nicht verlangt: Es genügten ein nautischer Lebenslauf und ein ausgefülltes Formular. Das Boot, eine Beneteau Oceanis 41, war in sehr gutem Zustand.

Zeitbedarf & Charakter

891 Seemeilen in 34 Tagen, verteilt auf 30 Fahrtage, also durchschnittlich rund 30 sm pro Fahrtag. Sieben Etappen lagen über 40 sm, die längste bei 76 sm, dazu kamen vier Tage ohne Fahrt. Deutlich weniger Zeit sollte man für die Umrundung nicht einplanen — und selbst nach fünf Wochen waren wir uns einig, dass wir gern noch tiefer in die Fjorde gefahren wären.

Wind & Motor — ehrlich

202 Motorstunden stehen 17 Segelstunden gegenüber, nur 14 % der Strecke sind wir unter Segeln gefahren. 76 % aller Windmessungen lagen unter 8 kn, das höchste geloggte Maximum bei 22 kn, und der Seegang lag nie über Douglas 4. In Böen war mehr drin — vor Port Neville hatten wir fast dreißig Knoten auf der Nase, die zwischen zwei Messungen fielen.

Das hat zwei Gründe. Erstens hat man auf der Ostseite mit Nordkurs den Wind fast immer von vorn — in den ersten drei Wochen kam knapp die Hälfte aller Messungen aus Nord bis Nordwest. Zweitens hatten wir auf der Westseite Pech: Dort schiebt einen im Sommer normalerweise ein konstanter Nordwestwind nach Süden, doch ausgerechnet in unserem Zeitfenster zog ein Tief durch und drehte ihn auf Süd. Als der Nordwest am 1. September zurückkam, waren wir längst nach Osten abgebogen. Unterm Strich heißt das: Ausreichend Diesel und ein zuverlässiger Motor sind hier wichtiger als ein gutes Segel — mit mehr Wetterglück auf der Westseite kann die Bilanz aber anders ausfallen.

Gezeiten & Engstellen

Das prägende Merkmal des Reviers, denn die Tagesetappe richtet sich nicht nach dem Wind, sondern nach dem Kenterzeitpunkt der nächsten Engstelle. Unsere Regel lautete, bei den scharfen Toren nie in der Nähe der Stromspitze durchzufahren, sondern immer bei Stillwasser, und damit war es erstaunlich stressfrei — wir haben an einem einzigen Nachmittag Yuculta, Gillard und Dent hintereinander passiert, ohne von einer davon viel zu merken.

Zwei Dinge bleiben trotzdem schwierig. Zum einen lässt sich zwischen den vielen Inseln die genaue Stromrichtung offenbar nicht zuverlässig vorhersagen; weder eine App noch ein Gezeitenkalender hat uns verlässlich geliefert, wie der Strom am Ende tatsächlich setzt. Zum anderen wird es kompliziert, wenn eine Etappe zehn Stunden dauert, der Strom aber nur sechs Stunden mitläuft. Einmal hat uns das querab versetzt — man bewegt sich seitwärts statt vorwärts. Ein anderes Mal sind wir bei wenig Wind sogar rückwärts gesegelt.

All das gilt allerdings nur für die Innenseite. Draußen auf der Pazifikseite spielt die Strömung kaum noch eine Rolle, und die Planung dreht sich von der Tide weg zum Wetter und zur Frage, wo die nächste geschützte Bucht liegt.

Nahwitti Bar & Cape Scott

Für die Passage an der Nordspitze gilt dieselbe Logik wie für die Engstellen, nur mit anderem Vorzeichen. Man geht mit fallendem Wasser über die Bar und vermeidet vor allem Wind gegen Strom, weil sich dort eine stehende Welle aufbauen kann — das ist die eigentliche Gefahr. Die Abfahrt richtet sich also nach der Tide, nicht nach dem Sonnenaufgang: Wir sind um fünf Uhr in völliger Dunkelheit aus Bull Harbour ausgelaufen und haben Cape Scott dann zwischen neun und halb zwölf bei bestem Licht gerundet.

Übrigens lassen sich auch die Seymour Narrows umfahren, nämlich über Cape Mudge und den Sutil Channel östlich um Quadra Island herum. Wir haben das schärfste Tor des Reviers auf diesem Weg komplett ausgelassen.

Kelp — die unterschätzte Gefahr

Kelpwälder gibt es hier überall, und wer hineinfährt, riskiert, dass Grünzeug in den Kühlkreislauf gelangt. Grundsätzlich sollte man außen herum, aber manchmal geht das nicht, weil das Zeug in der Hafeneinfahrt treibt — genau so hat es uns in Port Hardy erwischt.

Falls es dich auch erwischt: Was letztlich geholfen hat, war der Tipp des Vercharterers. Den Seewasserfilter öffnen und dort mit der Dinghi-Pumpe den Ansaugschlauch durchblasen. Wenn außen am Rumpf Blasen aufsteigen, ist der Schlauch wieder frei. Unbedingt dann den Impeller auf Schäden prüfen und gegebenenfalls tauschen.

Ein Ersatzimpeller an Bord und der tägliche Blick auf den Kühlwasserstrahl nach dem Anlassen sind hier Pflicht.

Dazu treiben aus den Forstarbeiten überall verlorene Baumstämme im Wasser. Bei Tag sind sie gut zu erkennen, bei Nacht nicht. Nachtfahrten sind in diesem Revier deshalb nicht zu empfehlen — wir konnten sie trotzdem nicht immer vermeiden.

Ankern

Das Revier ist ein Ankerrevier, und man ankert tief. Wir hatten 40 m Kette plus 50 m Leine, womit wir bis fast 20 m Wassertiefe ankern konnten, und das war sehr nützlich. Wichtig ist außerdem, nicht im Kelp zu ankern, weil der Anker dort nicht hält und es sich zudem um Naturschutzgebiet handelt. Wir haben deshalb in der Seekarte immer genau auf den vermerkten Untergrund geachtet und trotzdem manchmal ordentlich Gemüse hochgezogen. Den Tidenhub sollte man im Blick behalten: In Glendale Cove fielen ganze Buchtteile trocken, und wir sind mit dem Dinghi im Sand steckengeblieben.

Proviant

Entlang der Ostseite selbst ist die Versorgung unproblematisch — bis hinauf nach Port Hardy gibt es überall große Supermärkte mit vollem Angebot, auf der Westseite sind die Geschäfte dünner gesät, eine Lücke entsteht aber auch dort nicht. Wer dagegen wie wir ins Knight Inlet abbiegt, muss anders rechnen: Zwischen Campbell River und Port McNeill lagen bei uns zehn Tage ohne Supermarkt, und der Großeinkauf in Campbell River war entsprechend notwendig. Am Ende wurde es sogar knapp, weil uns durch die ständige Feuchtigkeit an Bord ein Teil des Brotes verschimmelt ist. Bei einer Zehn-Tage-Etappe lohnt es sich also, beim Frischen auf Haltbarkeit zu achten und trocken zu stauen.

Wasser, Diesel & Bezahlen

Wasser gibt es in jeder Marina, Tankstellen in jedem größeren Ort, das ist also kein Thema. Einen Wassermacher hatten wir nicht und haben ihn auch nicht vermisst. Wir haben uns nach Absprache mit dem Vercharterer entschieden, aus den Tanks zu trinken statt Flaschenwasser zu kaufen, und das ging gut, solange man beim Geschmack nicht zu empfindlich ist: Das Wasser schmeckte „grün“ — vermutlich vom Tank, das ging auch nach zweimaligem vollständigem Entleeren und Neubefüllen nicht weg — und fast überall nach Chlor.

Bis auf einen Foodtruck konnten wir alles mit Karte zahlen. Die Ausnahme sind die Duschen in den Marinas, die üblicherweise extra kosten und mit Loonies funktionieren, den kanadischen Ein-Dollar-Münzen. Es empfiehlt sich deshalb, ein wenig Bargeld an Bord zu haben, um Loonies wechseln zu können.

Ausrüstung

Eine Heizung an Bord ist angenehm, AIS ist wichtig, und ein funktionierendes Radar wäre im Nebel dieses Reviers ein echter Vorteil gewesen — unseres hat von Anfang an nicht funktioniert. Starlink hatten wir dabei und waren im Norden und auf der Pazifikseite für die Wetterdaten darauf angewiesen; als es in Port Hardy ausfiel, mussten wir unterwegs eine neue Stromversorgung dafür bauen.

Das Dinghi hatte einen festen GFK-Boden und einen 4-PS-Außenborder, was eine sehr gute Kombination ist; der einzige Wunsch wäre ein externer Tank gewesen, denn so mussten wir immer den Reservekanister mitnehmen und während der Fahrt mehrfach nachtanken.

Nebel & Verkehr

Nebel ist das große Thema, besonders im Norden und auf dem langen Schlag durch die Juan de Fuca Strait, wo wir stundenlang gegen eine weiße Wand gefahren sind. Dass die US-Grenze mitten durch die Juan de Fuca Strait verläuft, ist dagegen unproblematisch: Zwischen Kanada und den USA bleibt reichlich Platz, und auch zum Verkehrstrennungsgebiet in der Mitte hält man ohne Weiteres Abstand.

Tierwelt

Das eigentliche Argument für dieses Revier. Auf der Innenseite Orcas, Buckelwale, Grauwale, Steller-Seelöwen, Weißkopfseeadler und Schwarzbären, auf der Außenseite Seeotter in Rudeln, Mondfische und Grauwale in Gruppen. Die Regel lautet: Abstand halten, Motor aus, treiben lassen. Das mit dem Motor ist in der Praxis schwieriger, als es klingt: Uns ist es genau einmal gelungen, weil man sonst von Strömung oder Wind zu stark versetzt wird und die Kontrolle über den eigenen Abstand verliert.

Bären & First Nations

Schwarzbären gibt es an fast allen Küsten, Grizzlys ab dem Knight Inlet. Bärenspray haben wir in Campbell River gekauft und an Land immer mitgenommen, gebraucht haben wir es nie, weil wir leider oder glücklicherweise nie eine Nahbegegnung hatten. Im Knight Inlet ist der Zugang faktisch über die Lodge geregelt: Anlanden und Befahren des Flusses sind verboten, und die Grizzly-Touren gibt es ausschließlich für Lodge-Gäste.

Mehrere Inseln und Küstenabschnitte gehören First Nations und dürfen nicht betreten werden, etwa Hope Island als Gebiet der Tlatlasikwala. Das ist ernst gemeint und sollte vorher geprüft werden.

Drohne

Wer eine dabeihat, sollte wissen, dass Meeressäuger nur aus 1.000 Fuß Entfernung gefilmt werden dürfen. Wal- und Robbenaufnahmen aus der Luft kann man damit vergessen. Die Bäume hier sind höher, als sie aus der Luft wirken: Unsere Drohne ist beim Rückwärtsfliegen in einen gekracht und hing in zwanzig Metern Höhe fest — geborgen haben wir sie nur mit Klettergurt.

Einsamkeit

Bis hinauf nach Campbell River ist die Küste touristisch und dicht befahren, dominiert von kleinen Angelbooten. Weiter nördlich, im Knight Inlet und auf der gesamten Westseite ist man dann weitgehend allein — dort trifft man tagelang niemanden, und in manchen Häfen ist man das einzige Segelboot.

Fazit

Vancouver Island zu umrunden ist kein Segelprojekt, sondern ein Reiseprojekt. Man fährt viel unter Motor, plant nach Gezeitentafeln statt nach Windvorhersage und liegt fast jede Nacht vor Anker in einer Bucht, in der sonst niemand ist. Dafür bekommt man eine Küste, wie es sie in europäischen Revieren nicht mehr gibt: Buckelwale tauchen zehn Meter neben dem Dinghi auf, Seeotter treiben zu dreißigst im Kelp, und am vorletzten Tag liegen plötzlich vierhundert Robben und Seelöwen auf einem Felsen.

Wir haben in fünf Wochen keinen einzigen Grizzly gesehen, obwohl wir es wirklich versucht haben. Dafür sechs Schwarzbären, Orcas, Buckelwale, Grauwale, Schweinswale, Mondfische und mehr Seeotter, als wir zählen konnten.

Galerie

Bilder von unterwegs.

Luftaufnahme eines Kanals zwischen bewaldeten Bergen in den Discovery Islands
Springender Buckelwal vor der bewaldeten Küste
Blas eines Wals im Knight Inlet
Weißkopfseeadler am Horst
Diademhäher im Gebüsch
Kleine bewaldete Insel in den Broken Islands
Das Parlament von British Columbia in Victoria
Der Leuchtturm von Race Rocks vor Victoria
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