Törnbericht · Mai 2026 · Tromsø – Vesterålen – Lofoten – Senja

Zwei Wochen nördlich des Polarkreises.

433 Seemeilen rund um Senja, Andøya und die Vesterålen: Wale vor dem Bug, Dorsch an der Angel und eine Sonne, die kaum untergeht. Ein Törnbericht für alle, die selbst einmal in den hohen Norden segeln wollen.

Delphia 40
Yacht „Arctic Sky"
4
Crew an Bord
~433 sm
Gesamtstrecke
13 Tage
an Bord
68–70° N
Revier
Mitternachts­sonne
Highlight
Überblick

Ein großer Bogen ab Tromsø.

Mitte Mai, ganz im Norden Norwegens: Wir übernehmen die Arctic Sky, eine Delphia 40, im Raum Tromsø und legen in zwei Wochen einen großen Bogen nach Süden und wieder zurück: an Senja vorbei, hinaus zur Nordspitze von Andøya, durch die Vesterålen bis an das Tor der Lofoten und über den Vestfjord heimwärts.

Es ist eine Zeit der Gegensätze: tagsüber überraschend mild, nachts kaum dunkel, das Wasser nur wenige Grad über null. Wir sind zu viert an Bord und motoren viel durch die Flauten, erleben aber auch herrliche Segeltage und eine Tierwelt, wie man sie selten so nah erlebt: Wale und Robben, Seeadler und Papageientaucher, dazu Rentiere, die bis an die Ortsränder spazieren.

Hier erzähle ich die Reise Etappe für Etappe und sammle am Ende das Praktische: was du wissen solltest, wenn es dich selbst einmal hier hinaufzieht.

Etappe 1

Tromsø & Aufbruch nach Süden

Schon im Landeanflug auf Tromsø wird klar, worauf wir uns einlassen: schneebedeckte Gipfel über braun-grünen Tälern. Am Boden dann die erste Überraschung: 14 Grad, und der Taxifahrer empfängt uns in T-Shirt und Sandalen. Für norwegische Verhältnisse ist das fast Hochsommer. Beim Großeinkauf am Supermarkt etwas außerhalb spaziert seelenruhig ein Rentier vorbei, als wäre das hier das Normalste der Welt.

Übernommen haben wir die Yacht auf der Basis des Vercharterers etwas außerhalb von Tromsø. Von dort steuern wir zunächst den Stadthafen von Tromsø an (Frühstück, letzte Kleinigkeiten fürs Angeln) und nehmen dann Kurs nach Süden. In einer Engstelle wimmelt es nur so von Fischen; zwischen Anglern und Möwen taucht kurz ein Schweinswal auf, der erste von vielen, die wir auf dieser Reise zuerst für Delfine halten. Die letzten Meilen in die Ankerbucht bei Årnes können wir sogar segeln, und beim Ankerlichten am nächsten Morgen grüßt noch ein Rentier von der Küste.

Basis des Vercharterers · etwas außerhalb von Tromsø StromWasserDuscheWCGoMarina Start- und Zielpunkt des Törns; volle Versorgung, für Charterer frei nutzbar. Tromsø selbst, mit Stadthafen und gutem Einkauf, ist nur einen kurzen Schlag entfernt. Årnes weiter südlich ist eine reine Ankerbucht.
Skipper-Notiz

Tromsø ist ein bequemer Ausgangspunkt mit Flughafen, guter Versorgung und mehreren Häfen. Den ersten Tag ruhig entspannt angehen: Übernahme, Großeinkauf, eine nahe Ankerbucht.

Segeln vor schneebedeckten Bergen bei Tromsø Luftaufnahme der Ankerbucht bei Årnes
Etappe 2

Sommarøy & Senja

Auf dem Weg nach Sommarøy fehlt der Segelwind, dafür haben wir Glück mit der Angel: Keine fünf Sekunden im Wasser, und ein gut fünf Kilo schwerer Dorsch hängt an der Leine. Am Abend gibt es selbstgefangenen Fisch und Geburtstagstorte, denn Max kommt heute an Bord und hat Geburtstag. Sommarøy selbst ist ein Traum aus Stränden, Hügeln und unzähligen Vögeln, und nachts wird es kaum mehr dunkel; die Sonne verschwindet nur für etwa zwanzig Minuten hinter dem Horizont.

Weiter geht es nach Hamn auf Senja, eine lange Motoretappe mit unangenehmer Seitenwelle. Im Naturhafen liegt ein Resort mit Restaurant; das Rentierfleisch ist uns zu teuer, also kochen wir an Bord. Beim Erkunden klettern wir auf einen Felshügel mit grandiosem Ausblick; die einladenden Whirlpools des Resorts sind leider videoüberwacht. Zurück an Bord sorgen die Heizlüfter für Gemütlichkeit.

Sommarøy StromDuscheWCAutomat / Münzen Zwei Stege: der Nord-Steg (Campingplatz) mit Strom, Duschen mit Münzen (10 NOK / 5 Min); der Süd-Steg ist kostenlos, aber ohne Strom und in eher fragwürdigem Zustand, dafür von Süden ohne Umweg erreichbar. WC und Duschen am Campingplatz lassen sich von beiden Stegen nutzen.
Hamn (Senja) StromWasserWCan der Rezeption · kostenlos Neuer Schwimmsteg; Strom nur mit langem Kabel (ca. 20 m). WC im Hotel, Dusche dort gegen happigen Aufpreis buchbar. Wasser noch nicht vorhanden (eine Anlage scheint aber vorgesehen).
Skipper-Notiz

Im Frühsommer kommt und geht der Wind; auf viel Motorzeit einstellen. Eine zuverlässige Bordheizung gehört hier zur Grundausstattung. Und die Angel auch: Der Fisch spart echtes Geld und schmeckt großartig.

Angeln an Bord Luftaufnahme von Sommarøy Blick über Fjord und Berge auf Senja Naturhafen von Hamn auf Senja aus der Luft
Etappe 3

Andøya: Wale & Papageientaucher

Beim Auslaufen aus Hamn zeigen sich gleich zwei Tiere auf einmal: dicht hinterm Heck eine Gruppe Schweinswale, in der Ferne der Kopf einer Robbe; später ziehen Papageientaucher vorbei. Endlich kommt auch richtiger Segelwind auf, und wir hängen spontan einen Schlag zur Walbeobachtung an, ohne Erfolg, aber mit ein paar wunderbaren Extra-Segelstunden. Immerhin endet die Pechsträhne beim Angeln mit ein paar kleinen Seelachsen.

Andenes selbst ist gar kein kleiner Ort, doch es gibt nur einen kleinen Gästepier, den sich Gäste mit Fischern und der Küstenwache teilen. Entsprechend eng wird es, und wir legen uns kurzerhand längsseits an einen Fischkutter; dessen Eigner taucht erst am Morgen auf und nimmt es gelassen. Am nächsten Tag der zweite Walversuch, und diesmal ist uns das Glück hold: An fast derselben Stelle tauchen gleich mehrere Pottwale auf. Unsere Theorie: Wale zeigen sich nur bei schlechtem Wetter. Zum Abschluss steuern wir eine kleine Insel an, um die zu Hunderten Papageientaucher auf dem Wasser treiben, während auf einem Felsen ein Seeadler thront.

Andenes StromWasserWCDusche Nur ein kleiner Gästepier, geteilt mit Fischern und der Küstenwache. Platz ist knapp, Längsseitsliegen an Kuttern üblich (Auslaufzeiten abklären). Strom am Schwimmsteg, Wasser an einem separaten Steg (kurz zum Tanken anlegen), WC beim Fähranleger.
Skipper-Notiz

Andøya/Andenes ist das Walrevier: vor Bleik stehen Pottwale ganzjährig in der Tiefe. Liegeplätze sind hier rar: im Zweifel den Nachbarn fragen, dann findet sich fast immer ein Plätzchen längsseits.

Segeln zwischen Inseln vor Andøya Hafen von Andenes mit Fischerbooten Abtauchender Wal zeigt die Fluke Pottwal an der Oberfläche
Etappe 4

Vesterålen & der Trollfjord

Im Fischerhafen von Stø finden wir am Gästepier noch Platz, ringsum hohe Berge in der Abendsonne. Beim Spaziergang scheuchen wir versehentlich eine brütende Gans auf, und in jeder Felsnische sitzen nistende Möwen. Kurios ist ein Holzgestell mit Hunderten trocknenden Stockfischen; beim Geruch hält man sich nicht allzu lange auf.

Es folgt die landschaftlich stärkste Etappe der Reise: zehn Stunden von Stø zum Trollfjord. Meist scheint die Sonne, doch zwischendurch tauchen wir in eine dichte Nebelsuppe mit teils unter dreißig Metern Sicht. Am Abend laufen wir in den Trollfjord ein, eingeschlossen von Felswänden, die mehrere hundert Meter aufragen.

Der Morgen beginnt früh: Um sechs müssen wir die Nachbarn rauslassen, kurz darauf braucht ein Arbeiter des Kraftwerks Platz; zweimal umparken noch vor dem Frühstück. Während Max mit dem Dinghi zu einem Wasserfall fährt, brechen wir später zu einer „kleinen" Wanderung auf, hinauf zu einem Bergsee, den wir schon vor fünf Jahren besucht haben. Ausgedehnte Schneefelder stoppen uns, und die Drohne, die hätte helfen können, liegt mit leerem Akku am Boot. Ups.

Stø StromWasserDuscheWCnur Vipps Gästepier mit Strom, sonst keine Versorgung. Bezahlt wird ausschließlich per Vipps; die App ist faktisch nur Einheimischen zugänglich, wir konnten also nicht zahlen.
Trollfjord · Liegen Keine Versorgung. Man arrangiert sich am Pier des Kraftwerks; Ankern ist bei der Wassertiefe praktisch nicht möglich. Liegeplätze sind knapp; früh dran sein lohnt sich, und man rückt füreinander zusammen.
Skipper-Notiz

Nebelbänke ziehen hier schlagartig auf. Radar und AIS, eine gute Revierkenntnis und ein wacher Ausguck sind im engen, tiefen Fahrwasser Gold wert.

Fischerhafen Stø im Abendlicht Einfahrt in den Trollfjord aus der Luft Die Arctic Sky unter den Steilwänden des Trollfjords Boote am Pier im Trollfjord Wanderung entlang der Pipeline am Trollfjord
Etappe 5

Lofoten-Tor & über den Vestfjord

Svolvær ist vor allem Versorgungsstopp: duschen, essen gehen, Müll loswerden, einkaufen, Wasser und Diesel tanken. Auf dem Weg nach Lødingen begleiten uns Regen und Nebel, dafür beißen drei ordentliche Fische, die gleich in der Pfanne landen. Gleichzeitig beginnt das Boot zu zicken: Ständig schlägt der AIS-Alarm an, und der Plotter fällt immer wieder aus. Ausgerechnet in der engen, nur bei passendem Wasserstand befahrbaren Einfahrt von Lødingen verabschiedet er sich ganz; mit Papierkarte und Augenmaß kommen wir trotzdem sicher hinein.

Danach gönnen wir uns kürzere Schläge. Nach Fjelldal segeln wir fast die ganze Strecke; dort reicht es für ein Eis am Supermarkt und einen Abstecher zur Möweninsel gegenüber. Das Ablegen unter Segel am nächsten Morgen klappt trotz widerspenstigem Wind erstaunlich gut, und wir segeln die komplette Strecke nach Harstad. Die Stadt ist größer, ein Liegeplatz schnell gefunden; viel zu sehen gibt es nicht (immerhin eine Walross-Statue), dafür rundet ein Saunabesuch den Abend ab.

Svolvær StromWasserDuscheWCDieselGoMarina Großer Hafen mit voller Versorgung, der zuverlässige Tank- und Proviantstopp.
Lødingen StromDuscheWCAutomat am Campingplatz Strom, Dusche und WC; bezahlt wird am Automaten beim Campingplatz. Die Einfahrt ist eng, nur bei passendem Wasserstand anlaufen.
Fjelldal StromWasserDuscheWCGoMarina Ruhiger Stopp; Strom nur mit langem Kabel erreichbar.
Harstad StromWasserDuscheWCGoMarina Größerer Hafen, Liegeplatz problemlos, alles vorhanden, sogar eine Sauna.
Skipper-Notiz

Im Norden mit technischen Aussetzern rechnen und einen Plan B für die Navigation bereithalten. Enge Einfahrten grundsätzlich nur bei passendem Wasserstand anlaufen.

Hafen von Lødingen aus der Luft Hafen von Fjelldal aus der Luft Sauna in Harstad
Etappe 6

Zurück über Senja nach Tromsø

Auf dem Weg nach Norden lässt uns der Wind fast durchgehend segeln. Statt direkt nach Gryllefjord zu fahren, biegen wir zur kleinen Inselgruppe Holmenvær ab, wo es viele Robben geben soll. Und tatsächlich: Auf den Inseln liegen Seehunde, die bei Annäherung ins Wasser gleiten und neugierig-scheu die Köpfe wieder herausstrecken. Wir stoppen den Motor und treiben lautlos zwischen Dutzenden Robbenköpfen hindurch. Einer der magischsten Momente der ganzen Reise.

Die kurze Weiterfahrt in den Gryllefjord hat eine spektakuläre Einfahrt: spitze Berge, die an Mordor erinnern, dahinter ein buntes Fischerdorf. Über einen letzten Halt in Sommarøy geht es schließlich zurück zur Heimatmarina bei Tromsø; kurz davor zwängen wir uns durch eine enge Durchfahrt mit fast drei Knoten Gegenstrom. Kaum ist die Drohne nach einem Abstecher zu einem Wrack aus dem Zweiten Weltkrieg gelandet, klingelt das Telefon: der Vercharterer, angerufen von der Polizei. Rund um Tromsø gilt ein striktes Drohnenverbot, und über den AIS-Track des Bootes war schnell klar, wer da geflogen ist. Für uns bleibt es bei einer Verwarnung; andere hat es härter getroffen, erzählt der Vercharterer: Strafen bis 1.500 Euro und sogar eine beschlagnahmte Drohne.

Gryllefjord StromWasserWCDusche Strom vorhanden, WC im Wartehaus der Fähre. Der Schwimmsteg ist allerdings stark verschmutzt (Möwenkot), beim Einsteigen kaum sauber zu halten.
Skipper-Notiz

Im Norden immer Kanal 16 mithören. In den engen Sunden ist viel Berufsschifffahrt unterwegs. Uns hat ein Frachter, während wir unter Segeln waren, per Funk gebeten, Platz zu machen. Der größeren Schifffahrt rechtzeitig Raum geben.

Seehunde auf den Felsen von Holmenvær Robbenkopf schaut aus dem Wasser Buntes Fischerdorf Gryllefjord vor spitzen Bergen Rückkehr Richtung Tromsø, Boot von oben über klarem Wasser
Revier-Infos für Segler

Das Praktische, wenn es dich selbst hinaufzieht.

Alles, was wir auf diesem Törn gelernt haben, kompakt zusammengefasst.

Beste Reisezeit

Die beste Reisezeit ist Juni bis August; Ende Mai und Anfang September gehen auch noch. Schon Ende Mai herrscht nahezu Mitternachtssonne (auf 69° N verschwindet die Sonne kaum noch), aber es ist kühl: Wasser 2–7 °C, Luft tagsüber 7–16 °C. Eine zuverlässige Bordheizung ist hier kein Komfortextra, sondern Pflicht.

Stützpunkt & Anreise

Tromsø ist der ideale Start- und Zielhafen: Flughafen mit guten Verbindungen, mehrere Häfen und gute Versorgung. Von hier lässt sich der Rundtörn bequem öffnen und schließen.

Distanzen & Charakter

Unser Rundtörn umfasste rund 433 Seemeilen in 13 Tagen, also entspannte Tagesetappen von meist 30 bis 50 sm. Viel geschütztes Fahrwasser zwischen den Inseln, dazu offene Schläge etwa um Andøya. Im Frühsommer oft wenig Wind, entsprechend viel Motor (bei uns rund 116 Stunden).

Liegeplätze & Bezahlung

Gästepiers in Fischerorten, meist einfach ausgestattet; in kleinen Häfen ist Längsseitsliegen an Kuttern üblich. Bezahlt wird überwiegend per App GoMarina oder Karte; vieles läuft vertrauensbasiert. Ausnahme Stø: nur per Vipps, das praktisch nur Einheimischen offensteht. Strom ist oft nur mit langem Kabel erreichbar, 20 m an Bord haben sich gelohnt.

Navigation

Enge Sunde mit teils kräftiger Strömung (bei uns bis ~3 kn) und schmale Einfahrten, die nur bei passendem Wasserstand befahrbar sind. Nebel zieht schlagartig auf. Die Papierkarte ist Pflicht, dazu unbedingt eine digitale Karte (z. B. Navionics). Norwegen stellt zudem in der App Norgeskart alle amtlichen Seekarten kostenlos bereit. Plotter und Instrumente können ausfallen: Backup parat haben.

Angeln & Tierwelt

Das Angeln ist sehr ergiebig: Dorsch und Seelachs beißen oft binnen Sekunden, eine Handleine gehört an Bord (Schonzeiten und Mengen beachten). An Tieren: Pottwale vor Andøya, Robben etwa bei Holmenvær, dazu Seeadler, Papageientaucher, Schweinswale und Rentiere bis an die Ortsränder. Respektvoll Abstand halten, Motor aus, treiben lassen.

Funk & Verkehr

Im Norden immer Kanal 16 mithören. In den engen Sunden ist viel Berufsschifffahrt unterwegs. Uns hat ein Frachter, während wir unter Segeln waren, per Funk gebeten, Platz zu machen. Der größeren Schifffahrt frühzeitig Raum geben. (Hinweis am Rande: Rund um Tromsø gilt ein striktes Drohnen-Flugverbot.)

Fazit

Nordnorwegen im Frühsommer ist kein Schönwetter-Cruising: es ist rau, kühl und manchmal anstrengend. Aber genau das macht es aus: leere Reviere, eine überwältigende Landschaft, Tiere zum Greifen nah und Tage ohne richtige Nacht. Wer einmal lautlos zwischen Robbenköpfen getrieben oder bei 30 m Sicht in den Trollfjord eingelaufen ist, versteht, warum es einen wieder hinaufzieht.

Galerie

Bilder von unterwegs.

Segelyacht zwischen Inseln vor Andøya
Blas eines Wals
Schweinswal an der Oberfläche
Robbe im Wasser
Stø im Abendlicht
Boote am Pier im Trollfjord
Fischerdorf Gryllefjord
Mitsegeln

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